Es geht auch anders! Besuch beim schwedischen Sonderweg im Umgang mit Covid19

Können wir Schweden mit uns vergleichen?

„Aber das können die doch nur machen, weil sie so dünn besiedelt sind.“  Das wird uns zuerst entgegengehalten, wenn die Gespräche auf den Sonderweg Schwedens kommen. Stimmt auf den ersten Blick, die 10,7 Millionen Schweden verteilen sich auf der fünffachen Fläche Deutschlands. Auf den zweiten Blick leben die 2 Millionen Stockholmer wie in anderen Großstädten (Göteborg oder Malmö) wie in allen Großstädten in engen Mietwohnungen, fahren mit der U-Bahn und Bussen umher, bringen Kinder in die Schule und kaufen im Supermarkt ein. Hier unterscheiden sie sich nicht von Berlinern oder Hamburgern.

Eine Woche über Weihnachten 2020 tauchte ich ein in das im Vergleich zu uns doch sehr entspannte Alltagsleben Stockholms.

Zur Faktenlage: Schweden hatte 9667  Tote zum 12.01. zu beklagen. Vor allem im Frühjahr, als die Sterblichkeit durchaus das Doppelte der deutschen aufwies, starben 70% davon in Altenheimen, wodurch auch der Altersschnitt eher bei 86 lag (Deutschland 82). Das ist tragisch und wird auch von ihrem Andres Tegnell (als bedeutsamster Epidemiologe das schwedische Pedant zu Drosten) als kritisch und fehlerbehaftet bezeichnet. Nach 10 Monaten lebt dieses Land aber immer noch ohne Lockdown mit immer offenen Schulen, Läden, Restaurants und Cafes- Werden auch immer wieder einmal Verschärfungen beschlossen, dann meist formuliert als Empfehlungen und Bitten, kaum einmal als Gesetze, deren Widerhandlung unter Strafe gestellt wird.

„Geschäfte zu schließen und dann zu glauben, dass sich weniger Menschen anstecken, das ist falsch“ sagt Johan Carlson, der Chef der Gesundheitsbehörde. Auch wenn zum 5.1. ein Gesetz verabschiedet wurde, mit Hilfe dessen strengere Maßnahmen auch angeordnet werden könnten, macht das die schwedische Regierung bisher nicht, da auch auffällt, dass sich die Rate der Toten zunehmend  weniger einschneidend gestaltet. Trotz offener Cafes und nur vereinzelter Mundschutzträger  sinkt die bevölkerungsbereinigte (10,7 vs. 83 Milll.) Letalitätsrate, in den letzten vier Wochen (in denen in Deutschland teilweise über 1000 Tote/Tag gemeldet wurden)  sterben  täglich zwischen 7 und 23% bezogen auf  die Differenz in der Gesamtzahl der Bevölkerung weniger als bei uns. Strikte Regelungen bisher waren nur das Verbot von Veranstaltungen erst über 500, im Sommer über 50 Menschen, jetzt über 8 oder z.B. der Alkoholausschank erst ab 22, dann ab 20 Uhr.

Auch wenn die Infektionsrate im Dezember bei  über teilweise 400 als 7-Tages-inzidenzwert lag, war das öffentliche Leben  kaum eingeschränkt. Der Mundschutzempfehlung (kein Gebot, erst recht keine Pflicht) folgen im Straßenbild einzelne, bei vollen Cafes genoss man drinnen wie draußen  die Winterstimmung. Von Panik keine Spur.

Auf meiner Reise durch Schweden und Stockholm konnte ich mit vielen Menschen reden, das öffentliche Leben beobachten und die Atmosphäre intensiv wahrnehmen.

Ein Cafe in Stockholm kurz nach Weihnachten 2020

 Wie kann das sein, dass ein sehr aufgeklärtes Land, in dem viel Wert auf die innere Sicherheit, die Sauberkeit und Hygiene gelegt wird – als Teil der EU – diesen Sonderweg geht?,

Die Menschen diskutieren ohne Angst!

Meine tiefste Erfahrung war die offene Diskussion und die durchaus laute Auseinandersetzung um die Maßnahmen. Schon im Zug hatten zwei Zugchefinnen öffentlich im Bistro kein Problem damit, ihre unterschiedliche Sichtweise vor mir und anderen Reisenden auszusprechen. Während eine Kollegin für ihr offenes Land und die Eigenverantwortung jedes Menschen in gesundheitlichen Fragen warb, kritisierte die andere das Reisen von mir Deutschem in ihr schönes Land: ich brächte das Virus nach Schweden.  Ein Soziologie- Professor führte den Sonderweg auf das kaum zu irritierende Auftreten ihres Chef-Epidemiologen Anders  Tegnell zurück, der mit der Argumentation einer weiter reichenden Kollektiv-Immunität in großer Ruhe das Volk überzeugte:

We believe herd immunity will of course help us in the long run … but it’s not like we are actively trying to achieve it as has been made out (by the press and some scientists). If we wanted to achieve herd immunity we would have done nothing and let coronavirus run rampant through society.

Jede Abstandsregel war eine Bitte, der Mundschutz ein Angebot, über 70-Jährige gebeten, daheim zu bleiben, zur Vorsicht wurde ermahnt, wenig Verbote, viel  Ermahnung der Freiwilligkeit und Stärkung der Eigenverantwortlichkeit. Und dies ist kein Widerspruch in einem für seine hohen Sozialstandards immer hochgeschätzten Land. Auch wenn eine Kiosk-Verkäuferin sich schnell geschlossene Grenzen  gewünscht hätte, wenn sie sich über Party-Jugendliche in großen Gruppen beschwerte, den Schutz der Freiheit, stellte kaum jemand wirklich in Frage. Auf meine Fragen zog sich niemand zurück, in der Angst Falsches zu sagen. Wenn die Regierung  kritisiert wurde, z.B. von einem Gastronomen, dann über die die leichten Verschärfungen ( kein Alkohol ab Ende Dezember ab 20 Uhr)  und den Rückschritt vom radikal offenen Weg vom Frühjahr.

Der schwedische Grundgedanke: man kann das Virus bremsen, aber nicht aufhalten, die komplette Kontrolle führt zu Folgeschäden im sozialen, wirtschaftlichen und menschlichen Miteinander, die nicht mehr in Verhältnis zu den Gewinnen im Gesundheitswesen stehen. „We would like to avoid over-responding, making the situation worse“ (Johan Carlson). Schweden kann man als zutiefst demokratisches, sozialempathisches und aufgeklärtes Land bezeichnen, das seine Bürger ermuntert, erinnert, auffordert, aber nicht einschneidend reglementiert und in kollektive Angst versetzt, wie wir es hierzulande erleben.

Ein (vorläufiges) Fazit?

Wonach bewerten wir am Ende die verschiedenen Wege? Nach der Anzahl der Toten? Nach wesentlich höheren Zahlen im Frühsommer, sind jetzt im Winter zwar die Infektionszahlen  hoch, die Todesfälle aber wesentlich niedriger als bei uns, die Kurven gleichen sich an.

Während die deutsche Letalitätsrate (also die Zahl der Gestorbenen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Infizierten) im Dezember/Januar auf 2,2 % gestiegen ist, hat die schwedische nur 1,9 %. Dies bedeutet, dass inzwischen erheblich weniger Menschen am Virus sterben und eine Inzidenz von 400 gar nicht als dermaßen problematisch angesehen wird. Oder messen wir es  am Umgang der Menschen miteinander? An der Offenheit der Diskussion, an der Angstfreiheit, an der Nicht-Verzagtheit und an der vermiedenen Spaltung der Gesellschaft? Von den wirtschaftlichen Folgen will ich hier gar nicht reden. Man hat in diesem sozialen Land immer auf eine sukzessive Immunisierung der Bevölkerung gebaut, um die gesamte Krise besser und länger durchhalten zu können.( die Immunisierung liegt laut Schätzungen bei 20% Ende 2020, in Deutschland bei 3-5%].

Wenn also einiges dafür spricht, dass die Todesrate und die Überlastung des Gesundheitssystems  nicht die zentralen, und schon gar nicht die ausschließlichen Kriterien für eine bewertende Einschätzung der Corona-Strategie sein können  – und selbst dort, Schweden mittelfristig  gar nicht so viel schlechter wegkommt –  tauchen die spannenden Fragen auf: Wie erklärt sich psychologisch, soziologisch und kulturethnologisch, dass ein Land wie Schweden inklusive seiner Bevölkerung eine  so relativ entspannte Haltung über ein Jahr durchhält, während wir von Verbot zu Verbot, von FFP2-Pflicht zu 15km-Umkreis-Maßnahme rutschen und die Bevölkerung in der Mehrheit eher noch strengere Maßnahmen fordert. Neben dem Auftreten und Kommunizieren der Regierenden als ein Faktor, der Presselandschaft als verstärkender zweiter Faktor und geografischen und Gesundheitssystembedingungen, scheint mir eine kulturell verwurzelte freiheitlichere Grundhaltung, ein anderes Verständnis für Problemlösungen, von sozialer Verantwortung und von Mitmenschlichkeit in Schweden vorherrschend zu sein. Wie kann es sein, dass hier bei uns bei einer Inzidenz von 100 Schulen, Läden etc. ihre Kinder, Kunden nach Hause schicken und dort bei einer Inzidenz von 400 das Leben seinen halbwegs geordneten Gang geht und kein Aufruhr stattfindet? Etwas mehr von dieser sozialethischen Haltung würde ich mir für unser Lockdown-Land wünschen.

Es ist unmöglich bis zur Mitte Januar 2021 ein Fazit zu ziehen, aber die Verleumdung, Ausgrenzung und Diffamierung von deutlicheren Kritikern des offiziellen Weges , die ca.  20% in Deutschland umfassen, scheint es in Schweden nicht zu geben. Die Spaltung der Gesellschaft in Deutschland scheint andere Ausmaße angenommen zu haben.

Bis zum November 2020 bewegte sich die Gesamtsterblichkeit der Bevölkerung exakt im Schnitt der letzten 5 Jahre.

Quellen:

Eigener Besuch in Stockholm, Weihnachten 2020
Telepolis, heise online v. 13.1.21
Tagesschau.de, vom 11.1.
Wikipedia, Covid 19 Pandemie in Schweden
Folkhalsomyndigheten.se
Corona-in-zahlen.de, 13.1.

Schreibe einen Kommentar zu noscho Antworten abbrechen

Menü schließen